Die Orgel in der Kirche von Staby

 

Der Ort Staby liegt an der Westküste Dänemarks. Man erreicht ihn von Husby über die 537 kommend in Richtung Ulfborg. Etwa auf halben Weg kommt man durch Staby.


Staby Ortsschild

Ich betrat die Kirche. Innen saß ein "altes Mütterchen" und war tief in ihr Gebetsbuch versunken. Ich war geneigt zu ihr zu gehen und meinen Spruch, wie in den anderen Kirchen, die Orgel spielen zu dürfen, los zu lassen. Ich tat es nicht, sondern setzte mich auch in eine Bank und las in der vom Eingang mitgebrachten Broschüre, "Die Kirche von Staby". Einiges habe ich weiter unten aufgeführt.

Dann konnte ich es doch nicht lassen und erklomm die Empore. Ich fand erst einmal ein Midi-Keyboard, was mich verblüffte. Aber es war die in der Broschüre beschriebene elektronische Ansteuerung für das Glockenspiel. Der eigentliche Orgelspieltisch befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Orgelprospektes. Ja und ich hatte wieder ein paar Noten altfranzösischer Orgelmeister dabei und begann zu spielen, hoffend, nicht den Zorn des alten Mütterchen heraufzubeschwören. Ich konnte sie von der Empore sehen und auch sie hatte sich umgedreht und sah zu mir herauf.

Die 6 stimmige Orgel hatte für die kleine Kirche einen schönen Klang und so spielte ich eine Weile. Dann notierte ich mir die Disposition und verließ die Empore.

Dann erwartete mich auf dem Mittelgang der Kirche das alte Mütterchen. Ihr Alter konnte ich nicht schätzen. Sie stand, sich auf einem Stock abstützend, ein wenig nach vorn geneigt, vor mir. Sie sah mich aus ihren blauen Augen an. Was mochten diese Augen schon alles gesehen haben? Sie lebte sicher schon hier, als Westjütland noch nicht touristisch erschlossen war. Bei mir wurden Erinnerungen an meine Kindheit wach, als ich oft und gern bei meinen Großeltern auf dem Lande verweilte. Irgendwie erinnerte mich die alte Frau an meine Großmutter.

Sie redete jedenfalls plötzlich, mit einer von mir nicht erwarteten, kräftigen Stimme, auf mich ein. Leider kann ich kein Dänisch und verstand deshalb kein Wort. Als Sie geendet hatte, zeigte ich auf mich und sagte nur "Tysker", das dänische Wort für "Deutscher". Sie verstand erstaunlich schnell, daß ich sie nicht "verstand". Jedenfalls streckte Sie ihre Hand in meine Richtung. Eine Hand, die offensichtlich schon viel gearbeitet hatte, aber in meinen Gedanken sah ich auch die Hand einer Frau, die auch einmal die eines jungen, begehrenswertens Mädchen gewesen sein musste.

Ich war überrascht, als sie mit einer, von mir nicht erwarteten Kraft, meinen Arm packte und mich zu einem kleinen Regal mit Gesangbüchern zog. Sie zog ein Buch heraus und öffnete geschickt und schnell eine Seite, legte das Lesezeichenband herein und zeigte auf den Choral. Sie fuhr fort und suchte auf diese Weise 4 weitere Choräle in dem Buch heraus, die sie wiederum markierte.

Dann schlug sie den zuerst gewählten Choral erneut auf, zeigte auf die Noten, sang mit lauter kräftiger Stimme die ersten Takte. Danach drückte Sie mir das Gesangbuch in die Hand und zeigte auf die Orgel. Ich interpretierte das als Aufforderung, ihr diese Choräle zu spielen.

Ich nickte und erklomm zum zweiten Mal die Empore, ließ den "Wind" in die Orgel, wählte den 8 Prinzipal und begann den Choral aus dem Gesangbuch abzuspielen, als eigene musikalische Interpretation. Das alte Mütterchen hatte zwischenzeitlich ihren Platz aufgesucht und ich hörte sie zu meiner Orgelbegleitung hier oben auf der Orgelempore singen. Ich spielte von jedem gewählten Choral jeweils 2 Strophen. Ich zog dazu nie mehr als 2 Register.

Als das vollbracht war, entließ ich den "Wind" und verließ die Empore. Das alte Mütterchen stand wieder im Mittelgang. Ihre Augen leuchteten! Sie schüttelte mir, wieder sehr kräftig, die Hand und redete, was ich auch diesmal leider wieder nicht verstand, auf mich ein. Ich glaube nur einmal Tak (Danke) verstanden zu haben. Das alte Mütterchen ging danach wieder zu ihrem Platz und begann wieder aus ihrem Buch zu beten.

Ich verließ die Kirche, entrichtete auch hier wieder einen Obulus im Opferstock (liebe Gemeinde Staby, bitte nicht böse sein, dass ich Eure Orgel ohne zu fragen benutzt habe). Ich bin aber überzeugt, diesem alten Mütterchen eine kleine Freude gemacht zu haben.

 

Prospekt Staby

Disposition

Mixture 3 fach
2 Blockflöte
4 Rohrflöte
4 Oktav
8 Gedakt
8 Prinzipal
16 Quintade

Quelle: Die Kirche von Staby: Fabrikat der Orgel, Marcussen und Sohn, in den Jahren 1942-43 durch freiwillige Beiträge beschafft als Ersatz für das Hamonium von 1923.

staby spieltisch

 

Staby Kirche

 

Die Kirche in Staby

Vermutlich Anfang des 12. Jh. erbaut, hat eine ungewöhnliche Apsis. Chor und Schiff mit einer recht frühen Verlängerung gegen Westen. Gotische Anbauten: Turm nach Westen hin, Vorhalle gegen Süd und Kapelle gegen Nord. Die Apsis, reich ausgestattet mit Halbsäulen, die die Mauer in 6 Arkaden aufteilen. Zwischen dem Säulenschaft und dem Kapitel befinden sich einige eingefügte Quader mit abwechselnd gekrönten Männerköpfen und maskenähnlichen Köpfen (möglicherweise Löwen). Die beiden Mittelfächer haben jeweils ein grosses Fenster, das in Form eines vierblättrigen Kleeblatts gestaltet ist und aus einem einzigen Block herausgehauen wurde. In der Triumphmauer - Quader mit segnenden Königen. Unter den Kragsteinen bilden zwei Köpfe Konsolen, die einen früheren Chorbogenbalken getragen haben. –Reste von romanischen Kalkbildern, ungefähr aus dem Jahre 1200 stammend, wurden von der Wölbung der Apsis zur Nordwand des Schiffes verbracht. Kalkbilder, ca. 1500 entstanden (1989 zum Vorschein gekommen), befinden sich an der Nordwand des Schiffes.

Sagen um die Kirche

Die ungewöhnliche schöne Apsis an einer westjütischen Dorfkirche hat schon seit vielen hundert Jahren Anlaß zu Staunen gegeben. Pastor Mads Andersen Ebberup hat in seinem Bericht von 1638 zwei Versionen einer Sage niedergeschrieben, die um die reich geschmückte Kirche entstanden sind.

Eine Version erzählt, daß ein englischer Königssohn Schiffbruch erlitten und an der Küste bei Sdr. Nissum gestrandet war. Dort wurde er übel behandelt, deshalb flüchtete er landeinwärts nach Staby, wo ihm Ehre und Respekt erwiesen wurde. Als Dank soll er die Kapelle, d. h. die Apsis, gestiftet haben.

In der zweiten Version wird von einem armen Jungen aus Staby erzählt, der später in England zu Vermögen gekommen war. In dankbarer Erinnerung an die Leute von Staby, die ihn gut behandelt hatten, da er als Kind in der Gemeinde betteln gehen mußte, soll er die in Form von Boten und Fischen behauenen Steine aus England geschickt haben.

Die beiden Sagen könnten mit der Volksweise von dem englischen Königssohn in Verbindung stehen, der im 14. Jahrhundert in Sdr. Nissum strandete und von Herrn Esge Frost ausgeplündert wurde.

Pastor Mads Andersen Ebberup berichtet übrigens auch, daß zu Zeiten seines seligen Vorgängers Vater ein Gespenst allerlei Schabenack in der Kirche getrieben habe.

Es gibt viel zu sehen in der Kirche von Staby, und alle ihre Geheimnisse hat sie wohl noch nicht preisgegeben. (Anmerkung von mir: sie hat ein weiteres dazubekommen, ein deutscher Organist erfüllt einem alten Mütterchen eine Wunsch und begleitet ihren Gesang auf der Orgel) Deswegen gibt es viele Theorien über die Kirche. So wird z. B. vermutet, sie wäre von König Erik Ejegod (1095-1103) erbaut. Diese Datierung ist jedoch weder mit dem zeitbestimmten Symbolgehalt der Apsisgestaltung noch mit dem Stil der ursprünglichen Freskomalerei vereinbar. Allgemein wird angenommen, daß die Kirche zu Beginn des 13. Jahrhunderts erbaut wurde.

In den Sagen wird die reiche Ausstattung der Kirche mit dem Meer verknüft. Die tiefere Wahrheit dahinter ist, daß die westjütischen Fjordgemeinden im Mittelalter durchaus nicht als fernes, weltabgeschiedenes Gebiet betrachtet werden dürfen.

Hinter den Dünen waren die Fjorde durch Wasserstraßen miteinander verbunden und über die Schiffahrt und die Stadt Ribe stand diese Gegend in engeren Kontakt mit den Handels- und Kulturzentren Nordwesteuropas, als manch anderen Orte im Land. (Quelle: P. Storgaard Pedersen "Ulfborg Herred", 1900, S. 9-11, 95-97)

 

Staby Altar und Kanzel

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Quelle: Kirker i Vestjylland, Ringkøbing og Skern Provstier (2007)

 

 

gaestebuch




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last update: 19.10.2009
erstellt : 19.05.2008


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